Querdenker sind – trotz vieler Lippenbekenntnisse – nie wirklich beliebt, aber vor 100 Jahren hat man für originelle Ansätze, die sich auch noch bewahrheiteten, zumeist eine Lösung: der Tod des erfrischenden Denkers!

Der wohl unbekannteste bedeutendste Ökonom aller Zeiten ist Nikolai Dmitrijewitsch Kondratjew (er wird auch oft Kontratieff geschrieben), aber im Rückblick von 100 Jahren ist wohl derjenige mit der Theorie, die am perfektesten eingetroffen ist, alle Krisen und Wachstumsphasen vorhergesagt hat und auch die besten Einblicke in die Zukunft gegeben hat (siehe letzter Blog).

Abb: ein cooler Bursche – der junge Nikolai D. Kontratjew.

Abb: ein cooler Bursche – der junge Nikolai D. Kontratjew.

Er wurde 1892 in einem kleinen Dorf 400 km nordöstlich von Moskau geboren, schrieb sich in den Zeiten des ersten Weltkriegs in St. Petersburg in der juristischen Fakultät ein und schrieb eine Diplomarbeit über Wirtschaftsentwicklung. Dies brachte ihm eine Stelle im Direktorat in St. Petersburg ein.

Dort erlebte er die Nachkriegszeit und den Sturz des Zaren; er selbst war wie wohl alle jungen Menschen politisch aktiv und schrieb Artikel über die Versorgungsprobleme mit Lebensmittel und mögliche Lösungen, was ihm kurz vor der Oktoberrevolution den Posten als Vizeminister für Lebensmittel in der provisorischen Übergangsregierung einbrachte. Nachdem die Bolschewiki das Parlament mit Gewalt aufgelöst hat – die nur kurze, aber wahrscheinlich längste Demokratiephase dieses Landes – ging er nach Moskau und wurde Direktor des neu gegründeten Konjunkturinstitutes.

Mit zwei Themen beschäftigte er sich: dem Lebensmittelversorgungsproblem und der Entwicklung der Weltwirtschaft nach dem Kriege – also mit den noch heute größten Herausforderungen Ernährung, Globalisierung und Krisen. Kein Wunder, das er im Handumdrehen das führende Institut in Russland gegründet – heute würde man Thinktank sagen – und eine Menge Feinde damit hinzugewonnen hatte. Diese beiden Theorien kosteten ihn auch das Leben.

Mit großem persönlichen Mut wandte er sich gegen die Planwirtschaft und propagierte „Markt und Preis als Voraussetzung jeden Plans“ – eine wunderbaren Wink an alle Geschäftspläne, die den Fokus immer noch auf die eigene Idee und die operative Gestaltung legen und nicht auf die Einschätzung der beiden wichtigsten Dimensionen! Und natürlich vollkommen gegen die Ideen der Kommunisten. Wie gut er war konnte man daran sehen, dass er trotzdem die Verantwortung von 1923-1926 erhielt, den Plan für die Landwirtschaft aufzubauen.

Wider gegen die Staatsmeinung versuchte er sowohl Großbetriebe wettbewerbsfähiger zu machen als auch innovative Kleinbauern zu fördern und er wies eindeutig nach, das der Lebensstandard der Bauern seit der Oktoberrevolution um die Hälfte gesunken war – das Experiment Kommunismus hätte also schon 60 Jahre früher beendet erklärt und war da bereits statistisch gescheitert. Gute Botschaft für die Gruppe um Lenin und Stalin!

Die sofort reagierten: das Institut wurde geschlossen, Kontratjef abgesetzt und Stalin setzte mit brutaler Gewalt die „die Liquiditierung der Großbauern“ durch – eine Entscheidung, die bis heute die Versorgungsprobleme der Sowjetunion und Russlands begründet!

Sein zweites Herzensthema: die Theorie der langen Wellen und der Veränderungen der Wirtschaft (siehe Blog vorher) konnte er nicht mehr in der Sowjetunion veröffentlichen, sondern hat dies 1926 im berühmten Archiv für Sozialwissenschaft und –politik veröffentlicht, der führenden Zeitschrift, die von Max Weber redigiert wurde und 1933 von den Nazis eingestampft wurde.

1930 wurde Kondratjew verhaftet. Er versucht in der Haft weiterhin zu arbeiten. Seiner Frau Eugena Dawidowna gelang es, das Manuskript „Hauptprobleme der ökonomischen Statik und Dynamik – erste Fassung“ aus dem Gefängnis zu schmugglen. Dies der erste Teil eines von ihm geplanten fünfbändigen Werkes. Dies geht aus einem Brief hervor, den er am 7. September 1934 aus dem Gefängnis im Kloster Suzdal an seine Frau schrieb: „Das Konzept des Buches und seine Ideen sehe ich klar vor mir.“ Nach achtjähriger Haft wurde Nikolai Kondratjew am 17. September 1938 vor das Militärtribunal geführt und zum Tode verurteilt. Noch am selben Tage wurde er erschossen – wenige Tage ehe Stalin seine Sowjetverfassung als demokratischste der Welt preisen ließ.

Das erste Kapitel des Buches, welches von seiner Frau Eugena Dawidowna übergeben wurde, ist in 1991 veröffentlicht worden, die weiteren Kapitel sind bis heute nicht aufgetaucht. Hat er weitere Zyklen voraus gesagt, bis wann reicht der nicht aufgefundene Zyklus des sechsten Kontratjew? (ca. 2060?) Was treibt den siebten Kontratjew an (bis 2100)? Gibt es hier Prognosen und Pläne von ihm oder müssen wir uns selbst auf den Weg der Entdeckung machen?

Bis diese Dokumente auftauchen, versuchen es einmal selbst und lernen auf dem Weg hinzu.