Was steckt hinter einer Idee, für die Mark Zuckerberg angeblich bereit war 3 Mrd. Dollar zu zahlen und sich sogar das zweite Mal eine Ablehnung einholt? Ein Konzept, daß zwar mehr als 100 Millionen Nutzer hat, aber so gut wie noch keine Einnahmen? Ist es das Rollenmodell für eine neue Blase oder doch eine der wertvollsten Start-Ups der Welt. Kaum eine junge Firma spaltet so die öffentliche Meinung – und trotzdem sind Investoren wie Ali Baba und Yahoo der Meinung, dass Snapchat THE NEXT NEXT THING sein könnte. Immerhin zeigen die Avancen von Mark Zuckerberg, dass er das System für die größte Bedrohung derzeit ansieht – und einsehen musste, dass er mit seiner Kopie Poke dem Start-Up nicht das Wasser reichen konnte!

Spiegel, ein Student im Standford Produkt Design Programm und sein Wohnheim-Mitbewohner Bobby Murphy entwickeln in den Sommerferien 2010 eine Online Software namens „Future Freshman“, um Eltern, High School Absolventen und Beratern die Einschreibung an Universitäten leichter zu machen – ein riesiges Fiasko: „Wir haben so ca. 5 Kunden gewonnen“ (Evan Spiegel). In diese miese Stimmung platzt ihr Bruderschaftskollege Reggie Brown, der gerade eine basierend auf eine Erfahrung mit der Äußerung motiviert: „Mann, ich wünschte es gäbe eine App, mit der man Fotos versenden kann, die verschwinden“. Diese Anekdote ist übrigens Grundlage eines andauernden Rechtsstreits über das Urheberrecht. Mit der Idee, einem Markennamen Picaboo und eine kleinen Demo geht man auf Suche nach Investoren – und findet keine, da niemand versteht warum man verschwindende Fotos versenden sollte.

Trotzdem landet die App am 13. Juli 2011 im Apple-Store und hat am Ende des Sommers gerade einmal 127 User. Sowohl der wegen eines weiteren Rechtsstreits geänderte Namen auf Snapchat und Verbesserungen am Produkt bringen nicht viel. Spiegel geht zurück nach Stanford und Murphy nimmt einen Programmierjob an.
Und dann schlägt die Mama zu: Spiegels Mutter erzählt ihrer Nichte von der App und diese führt sie an ihrer Orange County High School ein, da dort Facebook von den Lehrern verboten wurde! Schnell war Snapchat Standard Kommunikationstool auf den Schul iPads – und wurde vor allem populär, dass der Fotobeweis so schnell verschwunden war. Die Nutzerzahl stieg bis zum Dezember auf 2241.

Im Januar 2012 waren es schon 20.000 und im April 100.000 – ohne eigene Werbeanstrengungen, nur durch die virale Kommunikation. Aber mit der Nutzerzahl stiegen die Serverkosten. Die bisherigen Anstrengungen, die bisher von Spiegels Großvater finanziert wurden, reichten nicht mehr aus. Und wieder halfen die Nutzer: Jeremy Lew, einer der Partner von Lightfield Ventures hörte über eine Tochter eines anderen Partners, dass es eine neue App gibt, die so cool wie Instagramm und Angry Birds ist. Aber die Gründer waren nicht einfach zu finden: es gab keine Kontaktinformationen auf der Webseite oder beim LinkedIn-Profil! Aber Lew stellte im „Whois“ (Domain-Owner Verzeichnis) fest, dass Spiegel hinter der Adresse steckte und schrieb im auf Facebook. Spiegel reagierte, da „Liew Profil-Foto mit Obama war…“. Im April 2012 stieg Lightspeed mit dem Investment von 485.000 Dollar ein, was eine Bewertung von 4,25 Mill. bedeutete.
Heute – knapp drei Jahre später steht die Bewertung bei 16 Mrd. Dollar und es sind 1,2 Mrd. Dollar Liquidität in die Firma geflossen. Selbst für amerikanische Verhältnisse eine Traumgeschichte.

Die Firma bleibt weiterhin lean, noch in 2014 waren es weniger als 100 Angestellte und man arbeite lange im Familienhaus von Spiegels Vater (einer der wichtigsten Entwickler hatte das ehemalige Zimmer von Spiegels Schwester – alles in rosa).

Einige wichtige Besonderheiten zeichnen Snapchat aus: man hat eine Usergruppe von mehr als 100 Millionen erreicht, die 400 Millionen Snaps am Tage versenden(!), das Durchschnittsalter der Zielgruppe ist 18 Jahre (bei Facebook inzwischen über 40), die Zielgruppe ist exklusiver (in der Regel keine Eltern oder Verwandte) und die App mit ihrem selbstzerstörenden Feature passt in die Zeit. Inzwischen gibt es eine ganze Subindustrie namens Ephemeral (oder passender temporary social media): Poke (der Versuch der Facebook-Kopie bleibt weiterhin ein Mißerfolg), Clipchat (eine Mischung aus Twitter und Snapchat), Wickr (verschwindendert Text) und viele andere Anwendungen versuchen auch die Inhalte nicht zu speichern sondern im Netz nach kurzer Zeit aufzulösen.

Noch hat Snapchat kein wirkliches Geschäftsmodell, es beginnt mit Werbung zu experiementieren und hat eine Zusatzfunktion des Peer-to-peer Zahlungsverkehr in der Prototypenphase, der vielversprechend aussieht. Auf jeden Fall ist das kleine Unternehmen gerüstet, um ein Global Player im neuen Kommunikationsmarkt zu sein und ist auf der Shortliste der Kandidaten neben Facebook (mit Messenger und What App ganz vor) und Tencent (mit WeChat der weltgrößte Anbieter dank dem chinesischen Heimatmarktes) – ein so interessantes und entscheidendes Feld für TNNT, dass wir uns bald intensiver mit diesem Bereich beschäftigen werden.