Bevor wir verstärkt in die Zukunft blicken ist ein wichtigster konzeptioneller Rückblick nötig, der eine Theorie und ein Rahmenwerk in den Vordergrund stellt, das bis heute Aktualität und starke Aussagekraft für die Zukunft hat: „Die Kontratjeff-Zyklen“ oder die Theorien der langen Wellen
Nikolai Kontatjeff war ein russischer Wissenschaftler, der seinen Ansatz in der nachzaristischen Zeit (also vor fast genau 100 Jahren) entwickelt hat (seine spannende Lebensgeschichte gibt es im nächsten Blog) und hat seinen bahnbrechenden Artikel „Die langen Wellen der Konjunktur“ 1926 in der Berliner Zeitschrift „Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik“ veröffentlicht.

Bis zu beginn des 20. Jahrhundert ging die Ökonomie davon aus, dass die Wirtschaft sich linear entwickelt – also entweder stetig bergauf oder stetig bergab. Noch heute – 100 Jahre nach Entdeckung eines Zyklusses – gehen fast alle Geschäftspläne ebenso von linearem Verlauf aus (kontinuierlich aufwärts) und sind deshalb zumeist auch falsch in ihren Grundannahmen. Dies wäre eigentlich nur möglich, wenn man der Basispionier ist und immer am Anfang der Welle steht – ansonsten muss man auf und ab einrechnen; zutreffender wäre also eher eine Auf-und-Ab Entwicklung in den Phasen eines Geschäftsplans.

Karl Marx war einer der ersten der die geltende Meinung in Frage stellte und erkannte eine Auf- und Abschwung-Zyklus von 7 bis 11 Jahren. Eine Gruppe von amerikanischen Ökonomen um den Wissenschaftler Kitchin stellte gar einen 40 Monats-Zyklus fest. Kontratjeff war jedoch nicht nur der Überzeugung, dass es einen sehr langen Zyklus von 40-60 Jahren gibt, in dem sich Aufschwung und Depression abwechseln, sondern konnte auch mit dem vorhandenen empirischen Material die ersten beiden langen Zyklen nachweisen. Der erste Zyklus begann mit der industriellen Revolution um 1780 in England und der Aufschwung ging bis 1814 und dann in einen kontinuierlichen Abschwung bis 1849 hinein. Die zweite Welle bewegte sich von 1850 bis zu ihrem Höhepunkt 1875 und bis zum Tiefpunkt 1896. Dann beginnt die dritte Welle und wächst an bis zum Höhepunkt 1920. In seinem Artikel sagte er den Abschwung bereits voraus und man konnte 1929 erkennen wie recht er hatte: der Börsencrash („schwarzer Freitag“) führte zur großen Depression und größten Wirtschaftskrise bis heute. Und nach seinem Tod folgten die beiden nächsten Wellen – derzeit haben wir den Höhepunkt der fünften Welle überschritten!

Nach Kontatjew sind die Wellen nicht Ergebnisse von äußeren Einflüssen wie Krieg, Hungersnot oder Naturkatastrophen, sondern das Ergebnis von revolutionären Veränderungen in Technologie und Gesellschaft.. Zu Beginn eines jeden Zyklus steht ein neues technologisch-ökonomisch-gesellschaftliches Bündel von Basisinnovationen, das die Träger eines neuen Aufschwungs werden. Das alte Paradigma wird überholt, Innovatoren schaffen neues und die Wirtschaft wächst bis alle auf das neue Paradigma gewechselt sind. Der Wettbewerb wird ähnlicher, nicht neues entsteht und die Kräfte erlahmen bis eine neue Welle von Innovationen folgt.

Ein solcher verstandene Zyklus folgt auch unserem Verständnis der Entwicklung der Natur (Jahreszeiten) und des menschlichen Lebens (Lebenszyklus von Geburt bis Tod) – warum sollte es sich in der Wirtschaft, die ja von Menschen gemacht wird anders sein?

Die beschriebene erste Welle wird von der Erfindung und Entwicklung der Dampfmaschine vorangetrieben, die zweite Welle fällt in die Entwicklung der Eisenbahn, Dampfschiffe und des Stahls und wird mit der Gründerzeit verbunden. Die dritte Welle beginnt mit der Entwicklung des Automobils, der Schwermaschinen-Industrie und der Chemie/Petrochemie. Die vierte Welle wird getrieben von Entwicklungen in der Elektrotechnik und Elektronik wie Integrierter Schaltkreis, Transistor, Fernseher und Kernenergie und der fünfte Zyklus beginnend um 1990 wird mit der Entwicklung des Computers und dem Internet eingeleitet. Nach den Statistiken war der Höhepunkt um 2004 und der Abschwung ist mit der Krise um 2008 eingeleitet worden – die Vorhersagen von Kontratjew bis zur 5. Welle haben nach über 75 Jahren ihre Gültigkeit behalten. Offiziell endet hier die Prognose des russischen Wissenschaftlers, aber es gibt noch ein Geheimdokument…

Unabhängig davon, hat der Beginn der 6. Welle begonnen, das nächste nächste Ding wird kommen und wir wir sind wieder in einer Gründungsphase. Noch weiss man nicht genau was die Basistechnologien sein werden, es gibt unterschiedliche Spekulationen, z.B. sprechen einige Kontratjew-Jünger von der Biotechnologie, andere von erneuerbaren Energien und eine weitere Gruppe geht von Nanotechnologie und künstlicher Intelligenz aus. Desweitern gibt es Verfechter, die glauben, das es eine soziale Innovation ist, d.h. eher in der Veränderung der Menschen und Gesellschaft liegen wird.

Nimmt man das empirische Material der Wirtschaftsentwicklung der letzten fünf Jahre zur Hand könnte man eher davon ausgehen, dass es durch Software angetrieben wird (was neu ist, der PC war ja noch Hardware und das Internet damit verbunden) und in den Bereichen Cloud-Computing, mobile Kommunikation und den sozialen Prozessen der flachen, vernetzten Welt liegen wird. Ich bin ein Befürworter dieses Ansatzes und bin überzeugt, dass die Basistechnologien unsere Wirtschaft in den nächsten 20 Jahren prägen wird. Wir sehen heute schon die Ansätze, das die alte PC-Welt überholt wird, die Vorbehalte des Cloud Computing überwunden werden und viele neue Ansätze, über die wir berichten werden, in diesem Umfeld entstehen – neue Wege der Kommunikation, des Management des täglichen Lebens, der Finanzierung und der Verteilung der Energie und vieles vieles andere. Deshalb werden wir im weiteren uns auf die Suche nach dem und den neuen, neuen Dingern machen, die diese Wirtschaft beleben, neues Wachstum geneieren, die Arbeitsplätze und –weisen dramatisch neu ordnen und dafür sorgen, dass Veränderung ein kontinuierlicher Schritt bleibt.