Mit grosser Spannung warte ich immer auf die Frühjahrsausgabe der Zeitschrift Fast Company – denn dann küren sie ihre Top 50 Innovativsten Unternehmungen. Wer ist diesmal vorne und wer ist ganz neu in der Liste? Und wo durch haben es die Unternehmungen geschafft? Was kann man lernen? Und über allem wie wird man eigentlich zur innovativsten Unternehmung?

Hier gibt es offensichtlich ganz unterschiedliche Methoden und Vorstellungen – und je mehr man nachforscht umso unübersichtlicher wird es. So hat die Zeitschrift Capital eine Aufstellung Boston Consulting Group veröffentlicht und führen Apple, Google und Tesla – nicht ganz überraschend – auf den ersten drei Plätzen. Aber dann kommen Microsoft und schon bald drei große deutsche Unternehmen: BMW (Platz 7), Daimler (10) und Bayer (11). IBM auf Platz 13, Yahoo auf 16 und Mariott Hotels auf Platz 19 sind wahre Überraschungen. Dafür schafft es Facebook nur auf Platz 28 und Salesforce schafft nur den 49. Platz. Das ist übrigens die Unternehmung, die Microsoft unbedingt kaufen wollte, da ihr weder ein gutes CRM-Programm noch Cloud-basierte Anwendungen gelingen…

Wie kommt so eine Reihenfolge zustande? BCG hat 1500 „internationale“ Führungskräfte (aus Deutschland?) befragt – die waren aber offensichtlich noch nicht so oft in Asien oder im Silicon Valley unterwegs. Hier ist innovativ offensichtlich eine Domäne der Großunternehmen.

Ganz anders sieht das der Harvard Business Manager, immerhin der deutsche Lizenznehmer der bedeutendsten Business School Veröffentlichung.. Dort liegt auf Platz 1: Salesforce gefolgt von Amazon und Intuitive Surgical (Medizintechnik mit Mini-Robotern). Deutschsprachige Unternehmen spielen hier kaum eine Rolle, bestes ist Alcon, der schweizer Hersteller von optischen Produkten (Platz 21); dann kommt Beiersdorf auf Platz 23.

Und wie sieht es bei Forbes aus? Immerhin diejenigen, die bei den Gehalts- und Vermögenslisten ganz vorne sind? Die haben derzeit Tesla auf Nr. 1 gefolgt von Salesforce und dann zwei Pharmazeutische Unternehmen (Regeneron und ARM). Auch hier sind vorwiegend amerikanische Unternehmen ganz vorne, beste asiatische Unternehmen sind Unilever Indonesien (Platz 6) und Baidu aus China (Platz 11). Bester Europäer ist Hermes (Platz 22). Und die deutschsprachigen? Davon gibt in der Top 50: 0.

Die unterschiedlichen Ergebnisse kommen schon einmal durch die verschiedenen Erhebungstechniken zustande. BCG hat Führungskräfte befragt, Harvard Manager Experten (?) und Forbes misst wie viel Investoren Aktien bewerten auf der Basis der zukünftigen innovativen Produkte bzw. Leistungen. Darüberhinaus sind dies alles Methoden bei dem Menschen Einschätzungen treffen ohne in der Regel die Firmen zu kennen oder zu erleben was diese machen. Es gibt auch nicht wirklich stichhaltige Begründungen warum gerade dieses Unternehmen oben ist.

Das Geschäftsmodell der „Most Innovative Company 2015“ Warby Parker

Das Geschäftsmodell der „Most Innovative Company 2015“ Warby Parker

Fast Company geht hier etwas anders vor: die Unternehmen werden besucht und die Redaktion trifft auf der Basis der eigenen Erfahrungen jedes Jahr eine neue Einschätzung – und begründet diese. So sind es fast jedes Jahr neue – oft überraschende Spitzenreiter. 2014 war Nike ganz vorne (wegen der Digitalisierung der Sportgeräte und der neuen innovativen Kleidung), 2015 das Brillenstart Up Warby Parker (für ihr Branding, den Online-Vertrieb und die neuen eigenen Geschäfte) und 2016 ist es BuzzFeed, das New Yorker Internet-Medien-Unternehmen, dass es geschafft hat, sein eigene Lücke zu finden: auf der einen Seite versorgt es die Welt mit den meisten Katzenbildern und unglaublichen Listen und auf der anderen haben sie es geschafft, mit politischen und kulturellen Artikeln, persönlichen Essays und vertiefenden globalen Neuigkeiten die Medienlandschaft – egal ob alt oder neu – in Aufruhr und Unruhe zu versetzen.
Dahinter folgen Facebook, CVS Health (eine etablierte Pharmahandels- und Servicekette) und Uber. Die üblichen Verdächtigen Amazon, Apple und Alphabet folgen auf den Plätzen 6-8. Mit Spotify folgt der erste Europäer (Schweden) und es gibt sogar ein deutschsprachiges Unternehmen in der TOP 50: auf Platz 48 folgt Babbel (!), die webbasierte Schul- und Lernplattform No. 1.

Was können wir aus all den unterschiedlichen „innovativsten Unternehmen“ lernen:

  1. Es gibt keinen eindeutigen Maßstab, was ein innovatives Unternehmen wirklich ist und dann werden die Schätzungen Gefühlssache. Ohne zu wissenschaftlich zu werden, sollten zumindest die Definition klar herausgearbeitet und die Methodik zur Bestimmung eines innovativen Unternehmens veröffentlich werden. Mittelfristig wäre es gut, wenn man eine klarere Bemessung hätte und nicht so sehr auf „ich kenne eine innovative Firma“ angewiesen wäre.
  2. Offensichtlich ist die Einschätzung, wer innovativ ist abhängig davon, wo die Bewertung herkommt. Amerikanische Unternehmen sehen amerikanische Firmen als innovativ, deutsche Führungskräfte die deutschen Unternehmen. Obwohl ich noch keine große asiatische Untersuchung kenne, vermute ich, dass es bei dieser auch ähnlich wäre. Man bewertet wohl gerne sich auch dabei und wäre gerne bei den innovativen Firmen dabei. Wünschenswert wäre aber eine globale, unabhängigere Sichtweise.
  3. Hilfreicher als die Aufstellung und die Platzierung erscheint mir die Informationen über die Hintergründe der Bewertung und eine gute Charakterisierung der Firma. Da ist die Fast Company-Aufstellung sehr hilfreich und gibt gute Einsichten, warum die Unternehmen „innovativ“ sind. Dies erscheint mir sehr wichtig, denn Unternehmen wollen und müssen von anderen lernen und diese Erfahrungen sollten sogar vertieft werden.

Schlussendlich sind solche Aufstellungen und Tabellen nett, um wieder die Aufmerksamkeit in Richtung Innovation zu lenken. Aber viel wichtiger erscheint mir, dass Unternehmen überlegen wie innovativ sie sich selbst sehen, wo die Defizite intern und extern sind („die Innovation Gaps“ – hier wird bald ein Ebook erscheinen) und wie sie daran arbeiten können, von den Praxiserfahrungen anderer Unternehmen zu lernen.

Hierzu bieten sich Workshops und der Austausch mit diesen Unternehmen an – und dann konkrete Projekte, um die Innovationsfähigkeit zu steigern. In meinen Vorträgen beleuchte ich auch die innovativen Unternehmen, und zeige konkret auf, welche positiven, aber auch negativen Erfahrungen diese gemacht haben.