Es gibt wohl keine interessantere Gruppe um einen guten Blick in die Zukunft zu werfen als der Club der 1-Mrd. Dollar-Startups. Und noch nie war diese Gemeinschaft so gross und gleichzeitig so breit angelegt, denn die Bewertungen erreichen ständig neue Höhepunkte – so hoch, dass schon manchen Betrachtern schwindlig wird und Einsturztendenzen befürchtet werden.

Während schon 2014 ein neues Rekordjahr war, klettern sowohl die Unternehmensbewertungen als auch die Anzahl der Unternehmen enorm. Waren es zum Jahresende 2013 insgesamt 42 Unternehmen, die diesem exklusiven Club angehörten (das Wall Street Journal hat sich zur Verpflichtung gemacht, diese „Mitgliedschaft“ zu überprüfen und gewissenhaft zu pflegen), konnte man am Ende des letzten Jahres bereits 72 Unternehmen zählen, die mindestens eine Bewertung von 1 Mrd. Dollar aufweisen konnten. Zum Stichtag 1. Juli – also gerade einmal 6 Monate später – sind weitere 28 Unternehmen hinzugekommen und man hat die magische Zahl der 100 genau erreicht. Die 2/3 Mehrheit kommt aus dem Mutterland der Startups, den USA. Aber ein Viertel kommt bereits aus Asien. Aus Deutschland sind zwei Unternehmen dabei (Delivery Hero und Home 24), beide sind aus dem Hause Samwer, die durch die Börsengänge von Zalando und Rocket Internet ihre anderen beiden Vertreter im Club loslassen mussten.

100 Startups, die keine 10 Jahre alt sind und bereits eine Bewertung von mindestens 1 Mrd. US-Dollar erreicht haben – bis hin zum Spitzenreite Xiaomi, der mit 46 Mrd. Dollar die Liste anführt – Insgesamt acht liegen über 10 Mrd. Dollar. Zur Orientierung: Das wertvollste deutsche Unternehmen, Siemens, liegt am gleichen Stichtag bei 80 Mrd. Euro!

Die Begründung für diese Entwicklung liegt in der Erwartung der Investoren, dass nahezu jeder Sektor von der digitalen und technologischen Entwicklung – vom Transportwesen über den Möbelhandel, die Erziehung, das Bankwesen, das Beherbergungsgeschäft oder der Gesundheitssektor erneuert wird und es wohl diese Unternehmen sein werden, die zumindest die Entwicklung einleiten oder gar der neue Marktführer sind.

Dafür sprechen einige Aspekte, die sich grundsätzlich von dem Dot-Boom Anfang des Jahrhunderts unterscheiden. Die Unternehmen weisen heutzutage schon beeindruckende Umsätze auf: das am höchsten bewertete Unternehmen, der chinesiche Mobilfunkanbieter Xiaomi, erst 2010 gegründet, hat sein 4. Geschäftsjahr mit einem Umsatz von 12 Mrd. Dollar abgeschlossen und eine 130% Wachstumsrate hingelegt. Da erscheint die Bewertung von 46 Mrd. Dollar gar nicht mehr so utopisch und falls die Planzahlen von 100 Million abgesetzten Smartphones eintrifft, hätte man sich hinter Samsung (ca. 300 Million in 2014) und Apple (190 Millionen) auf dem dritten Platz weltweit eingerichtet – und Xiaomi ist derzeit nur in China erhältlich!

Auch die No. 2 der Liste, der Transportvermittler Uber, hat bereits mehr als 4 Mrd. Dollar als Kapital eingesammelt und damit eine Bewertung von 41 Mrd. Dollar erreicht.

Der indische Online-Retailier Flipkart, der von Ex-Amazon Mitarbeitern in 2007 gegründet wurde, weist in 2014 auch schon einen Umsatz von 4 Mrd. sowie eine Kapitalisierung von 2,5 Mrd. Dollar auf – und kommt damit auf eine Bewertung von 11 Mrd. Dollar. Das Verhältnis von 4,5:1 in Bewertung zu bisherigem Gründerkapital ist da vergleichsweise gering.

Neben tatsächlichen Umsätze weisen andere Startups, die noch nicht auf ein Ertragsgeschäftsmodell setzen beeindruckende Nutzerzahlen auf – an dieser Herausforderungen sind beim letzten Boom die visionären Pläne in der Regel gescheitert: Dropbox, die erste große Cloud-Speicherlösung, die Steven Jobs noch gerne gekauft hätte, weißt seit letztem Jahr die Überschreitung der 300 Million User auf (von denen mehr als 100 Millionen im Vorjahr dazu gekommen sind!), Snapchat, der Fotoversendedienst, bei dem die Fotos schnell wieder gelöscht werden, hat bereits mehr als 100 Million Users (über 70% sind Frauen und über 70% sind unter 25 Jahre!), die täglich 400 Million Snaps versenden. Ebenso beeindruckend sind die Aktivitätsraten von Pinterest: 75 Million User (85% weiblich!) nutzen den Dienst, davon 47% mindestens einmal pro Woche bei einer durchschnittlicher Verweildauer von 14 Minuten pro Besuch!

Während die Startups der Generation 1 wie (Amazon, Google, Ebay) und auch zu großen Teilen aus der Generation 2 (Facebook, Instagram, LinkedIn) oft von unerfahrenen Gründern (bei den meisten war es tatsächlich das erste eigene Unternehmen!) gegründet, von Venture Capitalisten in den ersten Phasen finanziert wurden und dann alle auf einen Börsengang oder Exit ausgerichtet waren sind die Startup-Stars der neuen Generation anders aufgebaut: die Gründer haben trotz ihrer Jugend bereits mehre Unternehmen gegründet (Für Drew Houston war Dropbox bereits sein sechstes Startup), manche sogar sehr erfolgreich (wie die PayPals Peter Thiel, Elon Musk die heute hinter Palantir und SpaceX, zwei aus der Top Ten Liste stehen). Überhaupt Elon Musk ist das Rollenmodell des erfolgreichen Serial-Milliarden Startup-Gründers: Pay Pal, Tesla, Solar City und SpaceX!). Und noch viel wichtigter: die derzeitige Generation ist oft von den erfolgreichen Unternehmer gefördert und finanziert und diese bringen auch ihre Erfahrungen ein und das Ziel ist immer seltenen der IPO oder der schnelle Verkauf.

Die heutigen Gründer benötigen das Geld der Börse nicht, da die private Finanzierung ausreichend für das Wachstum ist und gleichzeitig wollen sie auch gar nicht schnell verkaufen, sondern in vielen Fällen ein nachhaltiges Geschäft aufbauen.

Und ein weiteres Unterscheidungsmerkmal spricht für die stärkere Substanz und Professionalität. Eine große Anzahl von Unternehmen sind durch die sehr gute Schule der führenden Acceleratoren, allen voran Paul Grahams Y-Combinator gegangen (z.B. Airbnb, Dropbox, Reddit) und haben die Tücken und Ansätze des Startup-Geschäftes sehr systematisch gelernt – und sind gleichzeitig ein Bestandteil des erfahrenen Silicon Valley-Netzwerkes geworden.

In den nächsten Wochen werden wir in lockerer Serie diese Unternehmen, die Gründer und die Unterstützer vorstellen und zeigen welche Märkte als nächstes von diesen Clubmitglieder angegangen werden.